Ein unentschiedener Streit?

Der Mensch im Allgemeinen hasst Zufälle. Solange er existiert, konstruiert er gedankliche Modelle, um diese in seiner Umwelt zu eliminieren und die Entwicklung zu planen. Man mag zum Zufall stehen wie man will. Solche Modelle sind lebenswichtig. Erst sie ermöglichen es einem Lebewesen, Entwicklungen vorauszusehen, gezielt zu beeinflussen und sich geeignet auf kommende Veränderungen einzustellen. Deshalb ist diese Vorliebe nicht auf den Menschen beschränkt. Jedes Tier und sogar jede Pflanze plant in der einen oder anderen Form in eine prinzipiell ungewisse Zukunft, versucht Ereignisse vorwegzunehmen. Eine Ameise folgt einer Spur, die in der Folge Nahrung verspricht. Ein Eichhörnchen legt Vorräte für den Winter an. Zugvögel verlassen ihre Brutgebiete um andernorts zu überwintern. Bäume werfen ihre Blätter ab um sicher durch den Winter zu kommen. Pflanzen produzieren Samen, damit die Gattung überlebt. Das alles hat in der einen oder anderen Weise mit Planung zu tun, ungeachtet der Frage, nach welchen Mechanismen diese Vorgänge gesteuert werden, ob sie bewusst ablaufen, erlernt, instinktiv veranlagt, oder genetisch programmiert sind. Ohne eine solch vorausschauende Planung würde keine Spezies lange überleben und bald aussterben. Wie ein Modell der Welt aussieht, das etwa ein Regenwurm entwickelt, wird uns wohl für immer unverständlich und verschlossen bleiben. Zu unterschiedlich sind die Lebensumstände, als das sie eine vernünftige Kommunikation darüber zulassen könnten. Verständigung verlangt immer einen gemeinsamen Hintergrund an Erfahrungen. Noch viel mysteriöser dürfte uns die Vorstellung sein, die ein Baum oder eine Wiese zum Überleben benötigt.

Ob unsere Modelle der Umwelt komplexer oder richtiger sind als die anderer Spezies auf diesem Planeten, sei dahingestellt. Sie alle bekämpfen den unberechenbaren Zufall. Genauso ist es vom Grundsatz her unerheblich, ob das damit verbunden vorausschauende Handeln genetisch veranlagt ist, oder erst erworben wird. In jedem Fall sind die menschlichen Vorstellungen unserer Umwelt die einzigen, über die wir tatsächlich diskutieren können. Es sind die einzigen, die unserem Verstand zugänglich sind. Aber auch dieser vergleichsweise einfache Anspruch ist gerade für zeitlich lange zurückreichende Gedankenwelten oft schon extrem schwierig umzusetzen.

Noch zu Beginn unserer Zeitrechnung dominierten Götter unsere Vorstellung von Himmel und Erde, die ständig in den Lauf der Dinge eingriffen. Alles geschah demnach nicht gesetzmäßig, sondern eher willkürlich, unterworfen den Launen der Götter. Selbst die offensichtlich regelmäßigen Vorgänge wie Tag-/Nachtwechsel, die Abfolge der Jahreszeiten unterlagen deren Willen. Sol und Mani zogen bei den Germanen den Sonnen- und Mondwagen über den Himmel. Für die eher unvorhersehbaren Ereignisse stand Wotan als Gott des Donners. Danach war es folgerichtig, diese höheren Wesen gütig zu stimmen durch Opfer und Wohlverhalten. Nichts war durch Menschen berechenbar, alles unterlag dem Willen der Götter. Dieser war zwar nicht wirklich planbar, aber zumindest nährte dieses Modell der Welt die Vorstellung, das die Vorgänge in der Natur vom Menschen irgendwie beeinflussbar seien. Den einfachen unberechenbaren Zufall konnte es danach nicht geben. Die Götter mochten launenhaft sein, hatten aber im Grunde alles im Griff.

Menschen können von jeher den Zufall nur schwer akzeptieren. Er möchte Sicherheit. Alles muss einen Grund haben. Eine Ursache sollte immer die gleiche Wirkung erzielen. Und so wälzte man alle subjektiven Zufälligkeiten ab auf den unbekannten Willen höherer Wesen. Irgendwie konnte man mit dieser Vorstellung besser leben als mit fundamentalen Zufälligkeiten, die sich keinem äußeren Einfluss unterwarfen. Der Wille der Götter war allerdings auch immer ein wirksames Herrschaftsinstrument. Wenn nur König und Priesterschaft ihn zu kennen behaupteten, konnten sie dem Volk ein gottgefälliges Verhalten vorschreiben. Wer das anders sah, war von jeher nicht nur ein Außenseiter, sonder Ketzer, Aufrührer, und wurde gnadenlos verfolgt. So jemand war kaum zu einem verordneten Wohlverhalten zu zwingen. Wer nicht an die Hölle glaubte, war gefährlich und bezahlte mit seinem Leben, wenn ein Hagelsturm die Ernte vernichtete oder eine Seuche das Land verwüstete. Dann waren genau diese Außenseiter offenbar die Schuldigen, die die Götter verärgert und damit die Gemeinschaft mit in den Abgrund gerissen hatten. Niemandem kam in den Sinn, dass Naturkatastrophen auch zufällig hereinbrechen könnten.

Inzwischen haben wir Menschen die Götter durch Wissenschaft ersetzt und noch immer können wir mit dem Zufall nicht umgehen. Er ist einfach unbefriedigend. Heute wissen wir, dass solch ein fundamental unberechenbarer Zufall existiert. Aber wir glauben nicht daran, wehren uns mit Händen und Füßen dagegen, diese Tatsache zu akzeptieren. Dass der Messprozess der Quantenmechanik tatsächlich so zufällig abläuft, ist inzwischen einwandfrei bewiesen und trotzdem führen Zufallsprozesse in den Wissenschaften allenfalls ein Schattendasein. Wie sollte Wissenschaft denn auch mit so etwas umgehen, wenn alle Welt von ihr absolute Berechenbarkeit erwartet. Nur eindeutige Schlussfolgerungen und klare Zukunftsaussagen scheinen die gewaltigen Mittel zu rechtfertigen, die in Physik, Raumfahrt, Chemie, Biologie fließen. Kein Finanzier würde glücklich mit prinzipiell unscharfen Projektzielen und Studien, die mit einem „Schaun mer mal, dann sehn mer scho“ enden.

Eigentlich ist der Streit heute entschieden: Die Welt verhält sich im Kleinen fundamental zufällig. Aber die Modelle der Wissenschaft ignorieren bis heute diese Tatsache und vermitteln den Eindruck, dass Vergangenheit und Zukunft im Prinzip exakt berechenbar sind – eine absurde Situation. Wenn sich jede Aussage nur mit Wahrscheinlichkeiten treffen lässt, kann Sicherheit nur in der Statistik liegen, im strengen Gesetz der großen Zahlen. Der glatte Lauf eines Planeten kann dann nur das Resultat einer gemittelten Unzahl im Grunde zufälliger Bewegungen sein. Gerade in der Physik sollte man erwarten, dass die beiden führenden Theorien längst mit solch einem fundamentalen Zufallsprozess unterlegt wurden, den schon Carl-Friedrich von Weizsäcker im Rahmen seiner Quantentheorie der Ur-Alternativen vermutete. Stattdessen gibt es im akademischen Mainstream nicht einmal Forschungsansätze dazu, die ernstlich verfolgt werden.

Die Situation ist heute nicht so verschieden von den Verhältnissen im Mittelalter, wie man vielleicht meinen sollte. Die Götter sind heute durch Wissenschaften ersetzt, die behaupten, alle Zusammenhänge im Universum erklären zu können. Ob das im Einzelfall wirklich so ist, kann niemand von außen wirksam überprüfen. Ob Experten wissenschaftlich arbeiten, oder Wissenschaftlichkeit nur vortäuschen, ist nicht immer klar auszumachen. Und so ist der Glaube daran wieder ein wirksames Herrschaftsinstrument. Zu jedem Irrsinn gibt es heutzutage eine „wissenschaftliche“ Studie, die angeblich einen besorgniserregenden Zusammenhang zweifelsfrei beweist und uns Bürger zum Handeln nötigt, bis die nächste Studie das Gegenteil beweist, sobald der politische Wind sich dreht. So wie früher der angebliche Wille der Götter missbraucht wurde zur Manipulation der Bevölkerung, wird heute dubiose Wissenschaft durchaus politisch für die abstrusesten Vorhaben instrumentalisiert. Früher war es allerdings einfacher, falsche Vorhersagen zu erklären. Dann waren die Götter eben launisch, oder ein unliebsamer Untertan hatte sich nicht gottgefällig verhalten. Heute setzt man lieber auf das kurze Gedächtnis der Bürger und verlegt die prognostizierte Hölle in eine Zeit, in der die Wahrheit einem selbst nicht mehr schaden kann, wenn man nur im Jetzt seine Ziele durchsetzt. Letztlich wird sich das verheerend für unser Vertrauen in die seriöse Wissenschaft auswirken und kann deren segensreichen Einfluss im schlimmsten Fall um Jahrhunderte zurückwerfen. Einmal verspielt, lassen sich Vertrauen und Glaubwürdigkeit nicht so schnell wieder herstellen.

Die Sache mit dem Zufall ist ein zweischneidiges Schwert. Wir müssen begrenzt in die Zukunft schauen können und auf der Basis von Prognosen planen. Dazu ist die genaue Kenntnis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen wichtig. Der unbedingte Glaube daran, dass eine bestimmte Verhaltensweise heute Vorkommnisse in der Zukunft gezielt beeinflusst, ist andererseits eines der ordnungspolitisch wirksamsten Instrumente, mit dem sich die Massen am leichtesten lenken lassen. Unberechenbarer Zufall dagegen bedeutet Anarchie. Letztlich ist Beides nebeneinander – Berechenbarkeit und Zufall – überlebenswichtig für alle natürlichen Systeme.

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